Montag, 02 Februar 2026 12:39

Organ-on-a-Chip-Technologie: die Niederlande veröffentlichen Innovationsprogramm Empfehlung

Die niederländische Initiative KIA ST hat in der letzten Woche zehn Aktionsagenden mit Innovationsprogrammen veröffentlicht. Darunter befindet sich eines unter dem Titel „Biomolekulare und zelluläre Technologien”, das sich auf die  Entwicklung von Organ-on-Chip-Technologien konzentrieren wird.


Die Initiative KIA ST (Kennisen Innovatieagenda Sleuteltechnologieën) ist Teil der niederländischen forschungs- und innovations-orientierten Industriepolitik mit dem Ziel, Investitionen in Höhe von mehreren Milliarden Euro in Innovationsprogrammen zu bündeln. Eine Aktionsagenda ist mit „Biomolekulare und zelluläre Technologien” betitelt, für die über eine Zeitraum von 10 Jahren 260 Millionen Euro zur Verfügung gestellt werden. Aufgeteilt wird die Investition zu gleichen Teilen auf öffentliche und private Fonds. Damit wollen die Niederlande, wie es heißt, ihre führende Position in der Organ-on-Chip-Technologie behaupten und die Entwicklung innovativer Arzneimittel und Präzisionsmedizin auf globaler Ebene voranzutreiben. Unter die Aktionsagenda zählt das Innovationsprogramm „Organ-on-a-Chip (OoC)“, das sich auf die Entwicklung modularer, standardisierter Plattformtechnologien für humane, reproduzierbare Modelle konzentriert, die die Arzneimittelentwicklung beschleunigen, die Präzisionsmedizin ermöglichen und gleichzeitig den Einsatz von Tierversuchen reduzieren. (1)

In der Entwicklung tierversuchsfreier Verfahren und entsprechender Technologien sind die Niederlande sehr fortschrittlich. Es sei daran erinnert, dass der Deutsche Tierschutzforschungspreis des Bundes 2025 an den weltweit führenden Experten in der Organoid-Forschung, Professor für Molekulargenetik Hans Clevers von der Universität Utrecht vergeben wurde. Prof. Clevers ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet und gilt seit Jahren als Kandidat für den Nobelpreis. Er arbeitet mittlerweile bei ROCHE; das der Pharmakonzern will als erster weltweit Organoide  flächeneckend in der Forschung einsetzen. (2)

In Deutschland keine fokussierte Schwerpunktförderung auf Organ-on-a-Chip für die Marktreife
In Deutschland gibt es keine exakte, isolierte Gesamtzahl zu jährlichen Investitionen speziell in Organ-on-Chip (OoC) Technologien. Die Förderung erfolgt verteilt über Projektmittel (BMBF, DFG), Fraunhofer/Max-Planck-Institute und Firmeninvestitionen, obwohl die Organ-on-a-Chip-Technologie als Schlüssel zur effizienteren Wirkstoffentwicklung gilt.

Aus dem deutschen Giesskannenprinzip erwächst keine zusammenhängende Naturlandschaft.
Grafik: computergeneriert.


„Das Rennen um den Markteintritt wird bald beginnen“ – ohne Deutschland?
Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) z.B. sieht Deutschland in einer guten Position bei den Entwicklungen von Lab-on-a-Chip und Organ-on-a-Chip-Systemen im internationalen Vergleich und benennt klar die Möglichkeit der Bedeutung als Alternativen zum Tierversuch. In-vitro-Gewebe können auf lange Sicht als effiziente Testsysteme für neue Wirkstoffkandidaten eingesetzt werden und insbesondere die Komplexität im Zusammenspiel verschiedener Zelltypen besser verstanden werden. Das "Rennen um erfolgreiche Markteintritte wird bald beginnen", schrieben die Verfasser. (3) Da stellt sich die Frage, ob Deutschland da gerne zugucken möchte?

Deutschland investiert zwar auch in die Organ-on-a-Chip-Technologie, das finanzielle Engagement lässt sich aber nicht ohne Weiteres vergleichen. Es gibt keine einzelne, offiziell ausgewiesene Gesamtsumme für Ausgaben in Deutschland spezifisch für Organ-on-a-Chip (OoC) Technologie. Die Summe an Forschungsförderung für die Organ-on-a-Chip-Technologie oder das Bioprinting ist z.B. beim BMBF (jetzt: BMFRT) nicht ablesbar, da sie in breitere Förderprogramme eingebettet ist.

Stattdessen handelt es sich um eine Mischung aus EU-Fördermitteln, direkten Zuwendungen des Bundes (BMBF) und Investitionen von Forschungseinrichtungen.

Die wichtigsten Forschungseinrichtungen sehen jedoch Zukunftspotenzial in Organ-on-a-Chip-Technologien, schließen sich hier aber nicht zu einer deutschlandweiten innovations-orientierten Industriepolitik zusammen. So schrieb das BMBF noch 2024 z.B. zum Thema Bioprinting: „Bioprinting hat als Zukunftstechnologie das Potenzial, die regenerative Medizin sowie die Krankheits- und Wirkstoffforschung zu individualisieren und fundamental zu verbessern.“ Deutschland habe sich im Bioprinting hinter den USA und dem aufstrebenden China eine „gute Position zur kommerziellen Nutzung der Technologie“ erarbeitet. Nun gelte es, die weiteren notwendigen Entwicklungsschritte im Zusammenspiel von Politik, Forschung und Industrie weiter voranzutreiben, um die Chancen des Bioprintings für unsere künftige Gesundheitsversorgung zu erschließen. Das BMBF wird das Engagement im Bioprinting beispielsweise innerhalb der Förderlinie Biologisierung der Technik, der Nachwuchsförderung sowie der KMU-Förderung weiter ausbauen.“ (4) Derzeit ist davon jedoch nicht so vierl zu merken, weil im Koalitionsvertrag der CDU/CSU und SPD die Umsetzung eines Tierversuchsgesetz beschlossen worden ist und im Hintergrund eher an der rechtlichen Umsetzung des „weiter so - wie früher“ gebastelt wird.

Es gibt weder einzelne, explizit ausgewiesene Gesamtsumme für Investitionen in Organ-on-Chip bei der Fraunhofer-Gesellschaft, da die Projekte über verschiedene Institute (wie IGB, IZM) verteilt und oft durch Industrieaufträge und Förderprojekte finanziert sind. Es gibt auch keine einzelnen, explizit ausgewiesene Gesamtsummen für Investitionen in Organ-on-a-Chip (OoC)-Technologien bei der Max-Planck-Gesellschaft (MPG). Die Forschung erfolgt dezentral in Instituten, gefördert durch Grundmittel, Projektgelder und Transfererlöse, betont die Max-Planck-Gesellschaft. So wurde das ORCHID-Projekt (Organ-on-a-chip In Development), an dem deutsche Institutionen wie das Fraunhofer IGB beteiligt waren, mit einer halben Million Euro für zwei Jahre durch die EU gefördert. Spezifische separate Investitionssummen nur für Deutschland wurden nicht separat ausgewiesen; der Fokus lag auf der kooperativen EU-Förderung. So ist Deutschland dagegen z.B. an dem UNLOOC-Projekt zur Entwicklung von Organ-on-a-Chips für die personalisierte Medizin beteiligt. Das Budget beträgt insgesamt 68 Millionen Euro und läuft noch bis 2027. (5) Die DFG fördert das Graduiertenkolleg Org-BOOST mit rund 9 Millionen Euro über zunächst fünf Jahre, um die Krebsimmuntherapie mittels künstlicher Organe zu verbessern. (6, 7)

Um beim Markteintritt dabei zu sein, wäre es hilfreich, noch ordentlich „eine Schippe draufzulegen“. Experten schätzen das Einsparpotenzial bei der Forschung und Arzneimittelentwicklung durch die Organ-on-a-chip-Technologie auf 10-26%. (8) Bei Entwicklungskosten von derzeit ca. bis zu 2,6 Milliarden US-Dollar (ca. 2,19 Mrd. Euro) für ein neues Medikament könnte dies  Einsparungen von 276 bis 706 Millionen US-Dollar (219 - ca. 570 Mio Euro) pro Zulassung bedeuten.

Quellen und weitere Informationen:

(1) https://hollandhightech.nl/en/news-calendar/news/action-agendas-translate-the-2035-ambition-of-the-national-technology-strategy-into-53-innovation-programmes

(2) https://www.invitrojobs.com/index.php/de/neuigkeiten/news-archiv/item/6800-berlin-bundesforschungspreis-und-tierschutzpreis-gehen-an-zwei-internationale-wissenschaftler

(3) Kagermann, H. & Süssenguth, F., Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) (2023). acatech IMPULS. „Lost in Translation?“ – Ansätze zur Entfesselung gesellschaftlicher und ökonomischer Potenziale der Biotechnologie.

(4) Bundesministerium für Bildung und Forschung (2024). Bioprinting - Potenziale für medizinische Forschung und Anwendung.

(5) UNLOOC. Unlocking the data content of Organ-on-Chips (2026). Online: https://www.unlooc.eu/

(6) Organoid-Based Modelling of Solid Tumors – Org-BOOST (2026). https://organoids-ulm.com/

(7) https://www.uni-ulm.de/home/uni-aktuell/article/dfg-foerdert-graduiertenkolleg-org-boost-mit-rund-neun-millionen-euro/

(8) Franzen N, van Harten WH, Retèl VP, Loskill P, van den Eijnden-van Raaij J, IJzerman M. (2019). Impact of organ-on-a-chip technology on pharmaceutical R&D costs. Drug Discov Today. Sep;24(9):1720-1724. doi: 10.1016/j.drudis.2019.06.003. Epub 2019 Jun 8. PMID: 31185290.